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Abschluss der 18. Pforzheimer Vesperkirche am 12. Februar 2017

Gut, dass du da bist

Predigt zu Matthäus 9, 9-13 zum Abschluss der Vesperkirche

Christiane Quincke

Und als Jesus von dort wegging,
sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus;
und er sprach zu ihm: Folge mir!
Und er stand auf und folgte ihm.
Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause,
siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder
und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern.
Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern:
Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?
Als das Jesus hörte, sprach er:
Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken.
Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6):
»Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.«
Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.


I.
Der alte Herr kommt jeden Tag. Vier Wochen lang.
Aber dieses Jahr das erste Mal.
Er wusste von der Vesperkirche. Dass es sie gibt.
Aber doch nicht für ihn.
Er ist ja nicht arm.
Hat eine Wohnung. Eine gute Rente. Und seine Frau.
Aber die ist nun nicht mehr da.
Und seitdem ist es leer zu Hause.
Vier Wochen lang war hier Platz für ihn.
Ein freundliches Lächeln an der Kaffeetheke,
ein offener Blick bei der Essensausgabe,
und immer jemand zum Reden.
Über die einsamen Stunden,
das leere Bett neben seinem Bett,
die Bilder an der Wand von früher,
die Kissen, die sie bestickt hat, und über die er früher geschmunzelt hat.
Erinnerungsstücke nun.
Und das tut immer noch weh.
Hier kann er das erzählen.
Und es lacht ihn keiner aus.
Ein warmer Händedruck - das genügte.
Gut, dass du hier bist.
Komm, setz dich an den Tisch.

II.
Die alte Dame aus dem Nachbardorf kommt schon seit Jahren.
Nicht jeden Tag, aber so dreimal die Woche.
Ihr Mann ist schon vor Jahren gestorben.
Und sie hat sich ganz gut eingerichtet - so allein.
Sie geht aber nicht gern aus dem Haus. Schon gar nicht im Winter.
Aber wenn Vesperkirche ist, dann nimmt sie den Bus.
Und freut sich auf die vertrauten Gesichter hier.
Auf das warme Essen.
Und die Andacht zum Schluss.
Letztens hat eine Musikerin, die Frau Albert, sogar Mundharmonika gespielt.
Und bei der Schlussmelodie haben alle mitgesummt.
Die freundlichen Blicke sind es, die sie hierher locken.
Heraus aus ihrer Wohnung.
Gut, dass du hier bist.
Komm, setz dich an den Tisch.

III.
Dann ist da noch der 30jährige, der aussieht wie 50.
Alkohol und Heroin haben seinen Körper kaputt gemacht.
Oft kann er sich gar nicht aufrecht halten.
Noch nicht mal Tisch.
Aber hier wird er in Ruhe gelassen.
Gut, dass du hier bist.

Am Tisch nebenan eine junge Frau.
Sie kramt in ihrem Portemonnaie.
Geldscheine kommen nicht zum Vorschein,
sie räumt Zettel und Fahrkarten hin und her.
Mit ihren Freunden kann sie kaum noch reden.
Ihr Leben ist ohne Arbeit viel zu langweilig geworden.
Gut, dass du hier bist.
Komm, setz dich an den Tisch.

IV.
Matthäus ist auch da.
Sitzt hier - mit Jesus an einem Tisch.
Und mit den anderen, die er gar nicht kennt.
Und mit denen er normalerweise nie an einem Tisch sitzt.
Die alte Dame. Der Witwer. Der Junkie. Die Arbeitslose.
Es spielt gar keine Rolle mehr, wer sie sind und was sie tun.
Nur was sie hierher gebracht hat und was sie brauchen.
Und was sie brauchen, ist so unterschiedlich:
das Essen, der Kaffee, die Wärme, das Gespräch,
der Tisch, Ruhe, Abwechslung, freundliche Hände und Augen.
Aber eins brauchen sie alle:
den Satz: Gut, dass du hier bist.

V.
Gut, dass du dich auf den Weg gemacht hast,
dich überwunden hast.
Du bist gekommen, obwohl es glatt ist.
Und obwohl du denkst, dass du nicht hierher gehörst.
Du bist hier mit deinen Schmerzen und deiner Schuld und deinem Frust.
Die Stimme in dir sagt dir: Du hast es nicht verdient, hier zu sein.
Und doch bist du da.
Gut so.
Hier darfst du sein. Du darfst du sein.
Musst nicht stark sein. Nicht schlau. Nicht gerissen und nicht hübsch.
Die Tür zur Vesperkirche ist offen für dich.
Die Tische sind gedeckt. Der Kaffee gekocht. Die Malstifte gespitzt.
Und Jesus ist auch da.
Für dich. Und für die anderen auch.

VI.
Es gibt Menschen, die stört es, dass Jesus keinen Unterschied macht.
Dass er einfach da ist und sich nicht aufhalten lässt.
Weder von Regeln noch von Normen oder menschlichen Maßstäben.
Grenzen, die du und ich aufstellen, interessieren Jesus nicht.
Bei Jesus gibt es keine Mauer zwischen zwei Völkern
und keinen Einreisestopp.
Die Volkszugehörigkeit spielt keine Rolle
und wie jemand an Gott glaubt, ob überhaupt oder nur ein wenig,
darüber lässt sich zwar trefflich reden,
aber nicht urteilen.
Es sei denn, dass dieser Jemand anderen den Tisch verbietet.
Und das Hier sein.
»Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.«
Keinen korrekten Glauben. Auch nicht eifrig die Gebote erfüllen.
Sondern barmherzig sein.
Da sein. Lieben. Umarmen. Wärme geben. Annehmen. Helfen.

VII.
Auch Matthäus hat mal Grenzen gezogen.
Er hat als Zöllner nicht jeden hereingelassen in die Stadt.
Nur wer genügend bezahlen konnte, kam durch.
Und er bestimmte den Preis.
Doch das hat ihn selber ausgeschlossen.
Nämlich von der Liebe. Von der Weite Gottes.
Dann ist er Jesus begegnet.
Der hat die Schranke aufgemacht.
Die Schranke von seinem Zollhaus.
Zu seinem Leben.
Zum Herzen und zu allem, was ihn hart gemacht hat und einsam.

Er braucht die Schranken nun nicht mehr.
Er ist wertvoll, geliebt - einfach so,
auch ohne Geld und ohne Macht und ohne Einfluss.
Jetzt sitzt er hier am Tisch. Mit Jesus.
Gut, dass ich hier bin. Denkt Matthäus.
Hier gehöre ich her.
Ohne Grenzen und ohne Schranken,
aber mit gutem Essen und warmen Händen
und einem offenen Herzen.
Denn ich bin es Jesus wert.
Und die anderen auch.

VIII.
Ja, auch die, die es stört, was Jesus da macht.
Auch die sind es wert, dass sie dabei sind.
Geht hin und lernt, was das heißt:
»Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.«
Sagt Jesus.
Kommt, setzt euch auch an den Tisch.
Hier haben Zöllner, Sünder, Kranke, Kluge und Ängstliche alle Platz.
Ihr auch.
Denn Gottes Herz ist weit und warm und groß genug.
Öffnet die Schranken eures Herzens.
Klettert über die Mauer aus Normen und Maßstäben und Korrektheit.
Ich halte euch die Hand und zieh euch rüber.
Und dann werdet ihr schmecken und sehen und riechen und fühlen,
was das heißt: Barmherzigkeit will ich.
Ihr werdet mir begegnen.
Hier hat alles Platz, was das Leben ausmacht:
hier wird geweint und gelacht, geschmatzt und gemalt,
einer schaut missmutig und grummelt vor sich hin,
eine lächelt und nimmt ihn in den Arm,
Einer ruht sich aus und eine andere spielt mit den Kindern.
Und auch, wenn sich einer daneben benimmt, behält er seine Würde.
Und darf morgen wieder kommen.
Denn dann bin auch ich wieder da.

IX.
Die Vesperkirche hört heute auf. Bis zum nächsten Jahr.
Aber die Wärme und die Weite und die Liebe nehmt ihr mit in euer Leben.
Und ihr breitet sie weiter aus.
Ihr, die ihr Essen ausgeteilt und Kaffee ausgeschenkt habt.
Und die ihr gespült habt und Brot geschmiert und Toiletten geputzt.
Und auch ihr, die ihr hier Gäste wart. Täglich oder einmal die Woche.
Ihr Trauernden, Einsamen, Fröhlichen, Ängstlichen und Kranken.
Ihr Klugen, Schönen, Gestressten, Gelangweilten.
Alle ihr nehmt die Liebe mit. Die Weite. Und die Wärme.
Und ihr sagt nein, wo Menschen ausgegrenzt werden.
Ihr reißt Schranken und Mauern ein oder klettert einfach darüber.
Das ist nicht leicht. Und es wird Menschen geben, die das nicht wollen.
Aber Jesus wird dann auch da sein.
Und es sich bei euch bequem machen.

Und dann werdet ihr sagen:
Gut, dass ich hier bin.
Komm, setz dich mit mir an den Tisch.
Amen.



copyright 2017 Michael Kiefer-Berkmann